[4] Vierte Partei
Um die anstehenden Fragen für die Arbeit während der 8. Legislaturperiode zu
beraten, trafen sich die Mitglieder der Landesgruppe, zu denen auch der
Parteivorsitzende Franz Josef Strauß gehörte, unter der Leitung ihres
neu gewählten Vorsitzenden Friedrich Zimmermann am 18. November 1976 zu einer
Klausurtagung in Wildbad Kreuth.
Gemeinsame Sitzung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion nach Aufhebung des Trennungsbeschlusses 1976
Erörtert wurden u.a. das Verhältnis zur FDP, die unterschiedlichen
Auffassungen der beiden Schwesterparteien über die Arbeit als
Opposition sowie strategische Überlegungen über eine Neuorientierung
der Parteienlandschaft mit einer eventuellen Ausdehnung der CSU
als vierte Partei auf das Bundesgebiet.
Im Verlauf der allgemeinen Aussprache kam es nach rund zehnstündiger
Diskussion zu einer Abstimmung über die Frage, ob die CSU in der kommenden Legislaturperiode
des Deutschen Bundestages eine eigene Fraktion bilden solle.
Von den 50 anwesenden Mitgliedern der CSU-Landesgruppe stimmten schließlich
30 Abgeordnete zu, während sich 18 Abgeordnete gegen diesen Beschluss aussprachen.
Die Entscheidung der Landesgruppe und Spekulationen zur Rolle von Franz
Josef Strauß bei deren Zustandekommen bestimmten in den folgenden Tagen die
Schlagzeilen deutscher und internationaler Zeitungen. Um der Kritik an dem auch
in den eigenen Reihen heftig diskutierten und von großen Teilen der Partei
abgelehnten Trennungsbeschluss zu begegnen, informierten der Parteivorsitzende
und der Vorsitzende der Landesgruppe, Franz Josef Strauß und Friedrich Zimmermann,
zunächst die Mandats- und Funktionsträger am 22. November in einem gemeinsamen
Schreiben. Am 4. Dezember folgte eine Sondernummer des Bayernkurier, die den
Anhängern der CSU die Hintergründe des Beschlusses erläuterte.
Aufgrund der durch den Beschluss geschaffenen Lage kam es in den folgenden
Wochen zu harten Verhandlungen zwischen den beiden Parteivorsitzenden Helmut Kohl und
Franz Josef Strauß, die von der Wahl eines eigenen CDU-Fraktionsvorstandes am 1. und 7. Dezember
begleitet wurden. Schließlich konnten durch die Delegationen beider Parteien zwei Tage vor der
konstituierenden Sitzung des 8. Bundestages, am 12. Dezember 1976,
Vereinbarungen über die
Grundlagen der politischen Zusammenarbeit sowie die Fortführung der Fraktionsgemeinschaft
von CDU und CSU erzielt werden, die in ihrem Kern eine Stärkung der Landesgruppe bedeutete.