Chinapolitik
Zwischen dem 12. und 24. Januar 1975 reiste Franz Josef Strauß als erster westdeutscher Politiker in die Volksrepublik China, wo er vom Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Chinas Mao Tsetung zu einem Gespräch empfangen wurde. Sein Interesse an einer Annäherung an Peking erklärt sich u.a. aus fünf sehr pragmatischen Überlegungen:
- Die Sowjetunion sei – verglichen mit China – die weitaus gefährlichere kommunistische Macht, zum einen aufgrund ihrer aggressiven Expansionsstrategie, zum anderen aufgrund machtpolitisch-geographischer Realitäten. "Nicht chinesische Truppen stehen an der Elbe, sondern sowjetische."
- Die chinesische Führung betrachte ihrerseits die Sowjetunion im Vergleich zu den Vereinigten Staaten als gefährlicher. Tatsächlich war Maos Theorie des "Sozialimperialismus" (sozialistischer Imperialismus) zufolge der sowjetische Sozialimperialismus noch aggressiver als derjenige der USA, weil er sich später entwickelt habe.
- Den Europäern könne es nicht gleichgültig sein, welche Macht nach dem Bruch zwischen Moskau und Peking die Führungsrolle des Weltkommunismus übernehmen werde. Deshalb, so Strauß, „muss jede europäische Politik nicht nur in Richtung USA verlaufen, sondern muss auch in der Volksrepublik China einen Partner sehen, der zur Erhaltung des Gleichgewichts beiträgt.
- Weltanschauliche Unterschiede müssten einer interessengesteuerten Kooperation untergeordnet werden, zumal es "töricht und kurzsichtig" wäre, die "ideologische Unvereinbarkeit des chinesischen Kommunismus mit unserer abendländisch-freiheitlichen Welt hervorzukehren, gleichzeitig aber den Druck des Sowjet-Kommunismus auf Europa zu übersehen".
- In einem "System der mehrseitigen und der spezifischen Allianzen, wie es Bismarck zu etablieren suchte“, sei China der "entscheidende Angelpunkt“. Als Gegengewicht zu einer Übermacht der Sowjetunion strebe Europa nach Einheit, was Moskau zu vereiteln suche. China sei an einer Eindämmung der Sowjetunion interessiert und unterstütze daher die europäische Einigung. Das Ziel der deutschen Diplomatie müsse es daher sein, Peking als Partner zu gewinnen, um "mehr politische, militärische und wirtschaftliche Kräfte zu entfalten, also ein System vielfältiger Kräfte, das den Veränderungen und Geboten in unserem zu Ende gehenden Jahrhundert wirklichkeitsgetreuer entspricht als magische Beschwörungsformeln fern jeder Realität“.
(Strauß, Franz Josef: Grundfragen Europas. In: Huber, Ludwig (Hg.): Bayern – Deutschland – Europa. Festschrift für Alfons Goppel. Passau 1975, S. 112f )