[2] Europapolitik
Seine Bemühungen um eine stabile deutsch-französische Achse als
Kristallisationskern der europäischen Einigung legitimierten sich aus der
Überzeugung, dass die sowjetischen Anstrengungen zur Erhaltung der
Teilung Europas nicht nur in krassem Widerspruch zu seinen, sondern auch zu de
Gaulles Plänen eines Groß-Europa stünden, und dass der Kreml angesichts ähnlicher
Positionen in der Frage der polnischen Westgrenze und eines Verzichts der
Bundesrepublik auf Atomwaffen die
CSU-Wahlplakat anlässlich der Europawahl 1979; Fernsehdiskussion der Parteivorsitzenden Franz Josef Strauß (CSU), Willy Brandt (SPD) und Helmut Kohl (CDU) anlässlich der Europawahl 1984
Wiederbelebung der historischen Allianz Paris,
Moskau, Warschau und Prag anstrebte.
Die Realisierung dieses Szenarios galt es für Franz Josef Strauß wegen der damit
verbundenen Gefahr der Isolierung Westdeutschlands und der faktischen Besiegelung der
Teilung Europas unter allen Umständen zu verhindern. Anstelle einer direkten Annäherung
Frankreichs an die UdSSR drängte er - ganz im Sinne Konrad Adenauers - auf die Schaffung eines
europäischen Gegengewichtes durch die Zusammenfassung der Kräftepotenziale der Westeuropäer.
Für Franz Josef Strauß galt ein geeintes West-Europa zwar als
"Vorstufe zu den Vereinigten Staaten von Europa", jedoch nicht in dem Sinne einer
auf die prosperierenden Volkswirtschaften im westlichen Teil des Kontinents beschränkte
Union, sondern einer auch die Völker Mittel- und Osteuropas einschließenden gesamteuropäischen
Föderation. Der von ihm verwendete Nationenbegriff schränkte dabei den historischen Stellenwert
der westeuropäischen Nationalstaaten ein, stellte jedoch deren nationale Identität keineswegs in Frage.
Das von Franz Josef Strauß in den sechziger Jahren formulierte
Europakonzept deckte sich
demnach mit den seit 1946 in den CSU-Grundsatzprogrammen verankerten europapolitischen Grundsätzen.