Print logo
Zur Hauptnavigation springen Zum Hauptinhalt springen

Archivale des Monats
Vater, Sohn, Esel und ein „Saustall ohnegleichen“ – Der Politische Aschermittwoch 1975

Autorin/Autor: Stefan Obermeier

Am diesjährigen Aschermittwoch (5. März 2025) kann die CSU auf nun fünfzig Jahre Politischen Aschermittwoch in Passau zurückblicken. Dieses Jubiläum stellt einen gebührenden Anlass dar, um mit dem Archivale des Monats März, der Rede des damaligen CSU-Parteivorsitzenden Franz Josef Strauß, den ersten Politischen Aschermittwoch in Passau am 12. Februar 1975 näher zu beleuchten.

CSU-Veranstaltungen am Aschermittwoch vor 1975

Aschermittwochsrede 1975 von Franz Josef Strauß, in leicht gekürzter Form im Bayernkurier am 22. Februar 1975 abgedruckt (Seite 1)

ACSP; ACSP, NL Strauß Slg Kray RA: 75/1

Seit 1953 trug die CSU ihre Aschermittwochsveranstaltungen in der Gaststätte „Wolferstetter Keller“ in Vilshofen aus. Dabei knüpfte man unter dem Motto „Zum Bauerntag“ an Veranstaltungen von landwirtschaftlichen Gruppierungen an, die bereits in Kaiserzeiten dort am Aschermittwoch stattfanden. Ab 1955 deklarierte man diese schließlich als „CSU-Kundgebung“. Insbesondere das rhetorische Talent von Franz Josef Strauß, seine pointierten Aussagen sowie seine teils scharfen Angriffe auf politische Gegner sorgten für einen immer größeren Zuschauerandrang, was einen Umzug in mehr Platz bietende Räumlichkeiten unausweichlich machte.
Der Begriff „Politischer Aschermittwoch“ war allerdings eine um 1958 entstandene mediale Wortschöpfung und stammt nicht aus der Feder der CSU. 

Die Rede von Franz Josef Strauß am Politischen Aschermittwoch 1975

Franz Josef Strauß über den Umzug am Politischen Aschermittwoch von Vilshofen nach Passau

ACSP, RS Strauß Slg. Kray Ton: 1975/501

Aschermittwochsrede 1975 (Seite 2)

ACSP; ACSP, NL Strauß Slg Kray RA: 75/1

Dass die Abkehr vom provinziellen Charme Vilshofens nicht zuletzt aufgrund der langen Tradition der dortigen Ereignisse am Aschermittwoch auch von Kritik und Nostalgie begleitet war, dient Franz Josef Strauß nach den Begrüßungsworten als Einstiegsthema in seine Rede. Er begegnet diesen negativen Reaktionen mit der bekannten Fabel des Schriftstellers Jean de la Fontaine von Vater, Sohn und Esel. Die Hauptaussage liegt darin, dass immer ein Anlass zu Kritik gefunden wird, egal ob der kränkliche Vater und der Sohn gemeinsam auf dem Esel sitzen, keiner der beiden oder eine Person alleine den Esel reitet. Der Umzug nach Passau sei angesichts des großen Zuschauerinteresses die richtige Entscheidung gewesen, zumal der Veranstaltung in der Nibelungenhalle trotz eines Fassungsvermögens von ca. 7000 Personen ebenfalls nicht alle Interessierten beiwohnen konnten.

Aschermittwochsrede 1975 (Seite 3)

ACSP; ACSP, NL Strauß Slg Kray RA: 75/1

Anschließend geht Franz Josef Strauß auf verschiedene politische Themen ein. Beginnend mit der für die CSU sehr erfolgreichen Landtagswahl 1974 leitet Franz Josef Strauß über auf die wirtschaftlichen Probleme der damaligen Zeit. Er widmet sich dabei der „Frage der Vollbeschäftigung, […] der Erhaltung der Arbeitsplätze, […] der Stabilität unserer Wirtschaft, […] des sozialen Friedens, […] der sozialen Sicherheit“. Strauß nutzt dies immer wieder für Kritik an der Bundesregierung, die seinen Ausführungen zufolge alle wirtschaftlichen „Ziele, die sie erreichen wollte, verfehlt, beziehungsweise verloren hat“. Dies umfasse einen „hohe[n] Beschäftigungsstand, […] Preisstabilität, […] angemessenes Wachstum und [eine] [….] ausgeglichene Zahlungsbilanz“

Aschermittwochsrede 1975 (Seite 4)

ACSP; ACSP, NL Strauß Slg Kray RA: 75/1

Das Versagen der Bundesregierung sei aber auch mit für die Wahlerfolge von CDU und CSU bei den zurückliegenden Landtagswahlen verantwortlich. „Die eigene politische Leistung wurde […] eindrucksvoll ergänzt durch das eklatante Versagen derer, die ausgezogen waren, Deutschland zu reformieren und einen ‚Saustall‘ ohnegleichen angerichtet haben“, so Strauß. Angesichts einer „Arbeitslosigkeit [von] 16 Prozent“ in Niederbayern räumt der CSU-Parteivorsitzende diesem Themenblock ca. 100 Minuten seiner zweistündigen Rede ein. Er bildet damit das Kernstück seines Vortrags. 
Ferner befasst sich Franz Josef Strauß mit der Erziehungs-/Bildungspolitik, der Außen-/Ostpolitik und der Einigung Europas. Die inhaltliche Abgrenzung von der Bundesregierung, v.a. der SPD, bleibt auch hier ein prägendes Merkmal. 

Reaktionen auf die Rede von Franz Josef Strauß

Insbesondere die Äußerung „Saustall ohnegleichen“ sorgte im Nachgang für reichlich Aufregung. So empörte sich der damalige Finanzminister Hans Eberhard Apel (SPD), Strauß habe sich „mit dem Wort vom Saustall würdelos verhalten“. Der SPD-Chef Willy Brandt erwiderte, „bei allen Schwierigkeiten und Sorgen sind wir stolz auf dieses Land, das Herr Strauß einen Saustall nennt“.  Strauß entgegnete wiederum, er habe „nur eine Anleihe gemacht“. Er spielte dabei auf ein Zitat von Helmut Schmidt an, der zu einem Besuch von Willy Brandt auf einem Sozialisten-Kongress im Oktober 1974 in Portugal anmerkte, „der sollte besser zu Hause bleiben und den Saustall aufräumen“. Helmut Schmidt bezog sich hiermit jedoch auf einen Streit innerhalb der SPD und nicht auf die Lage der Bundesrepublik Deutschland. (Zitate aus Presseartikel „Weiter Streit um ,Saustall‘“, Express Köln, 21.02.1975, in: HSS, ACSP, NL Strauß Fam : 1997)
Durch seine klaren, nicht stromlinienförmigen Aussagen polarisierte Franz Josef Strauß und verursachte lebhafte Diskussionen. Gleichzeitig leistete er somit aber auch einen entscheidenden Beitrag, den Politischen Aschermittwoch zu einem Ereignis werden zu lassen, das bis heute fest im politischen Bayern verankert ist und dessen Strahlkraft weit über die bayerischen Landesgrenzen hinaus reicht.  

Mehr zur Geschichte des Politischen Aschermittwochs erfahren Sie unter:

https://www.csu-geschichte.de/themen/detail/hat-die-csu-den-politischen-aschermittwoch-erfunden